Nüchternblutzuckerwerte über 100 mg/dl sind typisch für das Vorliegen eines Prädiabetes. Das bedeutet, der Blutzuckerspiegel ist höher als normal, aber noch nicht hoch genug für eine Diabetes-Diagnose. Lange Zeit war unklar: Lässt sich mit Maßnahmen zur Stabilisierung der Zuckerwerte nur das Auftreten eines Diabetes mellitus verzögern oder das das sogar einen echten messbaren Vorteil für das Herz und die Lebenserwartung, wenn der Blutzucker wieder komplett in den Normalbereich zurückkehrt (die sogenannte Remission)?
Analyse von zwei nationalen Langzeitstudien
Zur Klärung dieser Frage haben Wissenschaftler die Daten von zwei großen nationalen Langzeitstudien aus den USA und aus China gemeinsam analysiert.
Dabei verglichen sie das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle oder einen frühen Tod bei drei Gruppen von Menschen mit Prädiabetes:
- Gruppe A: Menschen, die es schafften, wieder normale Blutzuckerwerte zu erreichen (Remission).
- Gruppe B: Menschen, die im Stadium des Prädiabetes blieben.
- Gruppe C: Menschen, deren Werte sich verschlechterten und die einen Typ-2-Diabetes entwickelten.
Um den Blutzucker zu normalisieren, wurden in beiden Studien keine Medikamente verwendet, sondern es wurde auf Veränderungen des Lebensstils mit einer angepassten Ernährung und mehr Bewegung gesetzt.
Was kam dabei heraus?
Die Ergebnisse sind eindeutig und geben Grund zur Hoffnung, dass ein Prädiabetes keine Einbahnstraße ist. Insgesamt erreichte gut jeder zehnter Teilnehmer in der US-Studie innerhalb eines Jahres eine Remission (also wieder normale Werte) und profitierte langfristig davon. Denn Menschen aus dieser Gruppe (A) erlitten in den folgenden 20 Jahren zum Beispiel deutlich seltener Herzinfarkte oder Schlaganfälle als diejenigen, die einen Diabetes entwickelten. Und auch die Sterblichkeitsrate war bei denjenigen, die ihren Blutzucker normalisierten, signifikant niedriger. Ihr Risiko für kardiovaskulären Tod oder Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz war fast halbiert worden durch die Rückkehr zu normalen Blutzuckerwerten. Ganz ähnlich sah es bei den Studienteilnehmern der chinesischen Studie aus.
Die Studie zeigte außerdem, dass schon ein dauerhafter Prädiabetes (Gruppe B, ohne Fortschreiten zum Diabetes) das Herz-Kreislauf-System stärker belastet als ein normaler Blutzuckerspiegel.
Fazit:
Die Normalisierung einess erhöhten Blutzuckers ist ein erstrebenswertes therapeutisches Ziel. Durch Anpassungen im Lebensstil – vor allem eine Ernährungsumstellung plus mehr Bewegung – lassen sich erhöhte Werte oft wieder in den Normalbereich bringen. Diese Studie belegt, dass damit nicht nur das Entstehen eines Diabetes verhindert, sondern das Herz offensichtlich direkt geschützt wird. Die Chance auf ein längeres, gesundes Leben lässt sich somit massiv erhöhen.
Prädiabetes und Herzschwäche
Erhöhte Blutzuckerwerte im Rahmen eines Prädiabetes belasten nachweislich die Blutgefäße. Kommt Bluthochdruck hinzu erhöht das die Belastung. Begünstigt das auch das Entstehen einer Herzschwäche?
Um das zu klären, haben Wissenschaftler bei über 8000 Patienten mit Hypertonie, die gleichzeitig einen Prädiabetes hatten, über mehrere Jahre hinweg zwei Blutparameter erfasst. Als Marker für eine myokardiale Schädigung wurde das Enzym Troponin T gemessen und als Marker für myokardialen Stress wurde NT-proBNP gemessen.
Bei mehr als jedem dritten Patienten (35,7%) fanden sie eine Erhöhung des hochsensitiven Troponin Ts als Marker für eine myokardiale Schädigung. Und bei fast der Hälfte (43,6 %) eine Erhöhung von NT-proBNP als Ausdruck eines subklinischen Stresses des Herzmuskels. 122 Patienten entwickelten im Verlauf der Studie eine Herzinsuffizienz.
Es zeigte sich: Bei jenen Patienten mit erhöhtem Troponin war das Risiko für eine Herzinsuffizienz um fast das Vierfache erhöht im Vergleich zu Patienten ohne Hypertonie und ohne Prädiabetes. Bei erhöhten NT-proBNP-Werten war es sogar fünffach erhöht. Selbst bei Patienten, die „nur“ einen Prädiabetes aufwiesen, war das Herzschwäche-Risiko um das 2,5 bis 3-fache erhöht, wenn die Laborwerte entsprechend erhöht waren.
- Prediabetes remission and cardiovascular morbidity and mortality: post-hoc analyses from the Diabetes Prevention Program Outcome study and the DaQing Diabetes Prevention Outcome study, Lancet Diab&Endocrin, 2_26; DOI: 10.1016/S2213-8587(25)00295-5
- Prediabetes, Subclinical Myocardial Injury or Stress, and Heart Failure Risk for Adults With Hypertension, JAMA Cardiol, 1; 2026; doi: 10.1001/jamacardio.2025.4927
Experte
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Prof. Dr. med. Thomas Meinertz ist Kardiologe und Pharmakologe in Hamburg. Zu den Schwerpunkten des ehemaligen Vorsitzenden der Herzstiftung und langjährigen Direktors der Klinik und Poliklinik für Kardiologie und Angiologie des Universitären Herzzentrums Hamburg zählen insbesondere Herzrhythmusstörungen, die koronare Herzkrankheit und Herzklappen-Erkrankungen. Neben mehreren hundert wissenschaftlichen Fachpublikationen, die Prof. Meinertz für nationale und internationale Fachzeitschriften verfasst hat, ist der renommierte Kardiologe Chefredakteur der Herzstiftungs-Zeitschrift "HERZ heute" und Autor mehrerer Publikationen im Online-Bereich der Herzstiftung.