Calcium-Präparate werden häufig zum Schutz vor Osteoporose eingenommen – vor allem von Frauen nach den Wechseljahren. Sie können vom Arzt verordnet, aber auch von Konsumenten in Drogerien und in der Apotheke in ganz unterschiedlichen Dosierungen und Formen einfach erworben werden.
Im Studienfokus: Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankung
Immer wieder gab es allerdings Hinweise, dass ein “Zuviel” dem Herzen möglicherweise schadet und zum Beispiel einen Herzinfarkt begünstigt oder Ablagerungen an der Aortenklappe (Aortenstenose) fördert. Doch wie hoch ist das Risiko wirklich? Gilt das für alle gleichermaßen? Da die bisherigen Daten teils widersprüchlich waren, haben Wissenschaftler dies nun gezielt für Herzpatienten in einer großen Beobachtungsstudie untersucht.
In der Studie wurden speziell Daten von Patientinnen und Patienten aus der großen Hongkong Osteoporose Studie ausgewertet, bei denen erstmals eine Herz‑Kreislauf‑Erkrankung wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder koronare Herzkrankheit festgestellt worden war. Insgesamt wurden am Ende mehr als 35 000. Betroffene miteinander verglichen: Die eine Hälfte davon nahm (vom Arzt verordnete) Calciumpräparate ein, die andere nicht. Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 77 Jahre alt und zu knapp 60 Prozent weiblich.
Ein Ergebnis: Männer sind stärker gefährdet
Die Auswertung der Daten ergab, dass Personen, die mit Calciumpräparaten behandelt wurden, ein um etwa zehn Prozent höheres Risiko für das erneute Auftreten schwerer Herz‑Kreislauf‑Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten im Vergleich zu jenen, die nichts einnahmen. Auch Krankenhausaufnahmen oder Notfallbehandlungen wegen Herzproblemen waren häufiger. Außerdem wurde festgestellt, dass die Calciumsupplementation mit einem erhöhten Atheroskleroserisiko in peripheren Gefäßen einhergeht.
Besonders auffällig war, dass das Risiko vor allem bei alleiniger Einnahme von Calcium anstieg. Dabei bestand das höchste Risiko bei einer täglichen Dosis von 1000 Milligramm. Wurde Calcium hingegen gemeinsam mit Vitamin D eingenommen, zeigte sich kein deutlicher Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko. Ähnliches war bereits in anderen Untersuchungen festgestellt worden.
Zudem gab es Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Männer, die Calciumpräparate einnahmen, hatten ein stärker erhöhtes Risiko für erneute Herz‑Kreislauf‑Ereignisse als Frauen.
Mechanismus für Calcium-Effekt unklar
Warum Calciumpräparate das Herz‑Kreislauf‑Risiko so deutlich beeinflussen können, ist noch nicht abschließend geklärt. Diskutiert wird unter anderem, dass erhöhte Calciumspiegel im Blut Gefäßverkalkungen und die Blutgerinnung fördern können.
Wichtig ist: Die Studie zeigt lediglich einen Zusammenhang, aber keinen ursächlichen Beweis. Da sie auf Beobachtungsdaten basiert, können andere Einflussfaktoren nicht vollständig ausgeschlossen werden.
Was bedeutet das für Betroffene?
Ohne Rücksprache mit dem Arzt sollten Herzpatienten bei der Einnahme von Calciumpräparaten zurückhalten sein. In bestimmten Situationen – etwa bei Osteoporose – können jedoch Präparate mit Calcium plus Vitamin D weiterhin notwendig sein. Entscheidend ist somit eine individuelle ärztliche Abwägung von Nutzen und möglichen Risiken.
- Association Between Calcium Supplementation and Recurrence of Cardiovascular Events in Patients With Cardiovascular Disease: A Population‐Based Cohort Study; JAHA, April 2026, https://doi.org/10.1161/JAHA.125.047455
Experte
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Prof. Dr. med. Thomas Meinertz ist Kardiologe und Pharmakologe in Hamburg. Zu den Schwerpunkten des ehemaligen Vorsitzenden der Herzstiftung und langjährigen Direktors der Klinik und Poliklinik für Kardiologie und Angiologie des Universitären Herzzentrums Hamburg zählen insbesondere Herzrhythmusstörungen, die koronare Herzkrankheit und Herzklappen-Erkrankungen. Neben mehreren hundert wissenschaftlichen Fachpublikationen, die Prof. Meinertz für nationale und internationale Fachzeitschriften verfasst hat, ist der renommierte Kardiologe Chefredakteur der Herzstiftungs-Zeitschrift "HERZ heute" und Autor mehrerer Publikationen im Online-Bereich der Herzstiftung.