Der BMI berechnet sich aus Körpergewicht und Körpergröße und ist ein verbreitetes Maß für Übergewicht und Adipositas. Doch er hat eine wichtige Schwäche: Er sagt nichts darüber aus, wo sich Körperfett befindet. Gerade Fettgewebe im Bauchraum, das sogenannte viszerale Fett, steht jedoch in engem Zusammenhang mit Bluthochdruck, Diabetes, Atherosklerose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie inzwischen belegt ist. Forschende der Cross-Cohort Collaboration (CCC) untersuchten deshalb, ob der Bauchumfang und das Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang das kardiovaskuläre Risiko genauer erfassen als der BMI allein.
Warum wurde die Studie durchgeführt?
Bereits frühere Untersuchungen haben Hinweise darauf geliefert, dass Menschen mit normalem BMI, aber ausgeprägtem Bauchfett (zentrale Adipositas), ein höheres Herz-Kreislauf-Risiko haben als Personen mit höherem BMI und günstigerer Fettverteilung. Umgekehrt scheint nicht jede Person mit starkem Übergewicht (Adipositas nach BMI-Einteilung) automatisch dasselbe Risiko zu tragen.
Die Forschenden wollten daher klären, wie häufig BMI und Fettverteilung unterschiedliche Risikoeinschätzungen ergeben und ob Messungen des Bauchumfangs oder des Taillen-Hüft-Verhältnisses die Risikobewertung letztlich wirklich verbessern.
Wesentliche Gesundheitsereignisse wurden erfasst
Für die Analyse wurden Daten von fast 260.000 Frauen und Männern aus 15 großen Bevölkerungsstudien zusammengeführt. Zu Studienbeginn hatte niemand eine bekannte koronare Herzkrankheit. Die Teilnehmenden wurden etwa 20 Jahre lang nachbeobachtet.
Erfasst wurden: BMI, Bauchumfang und das Taillen-Hüft-Verhältnis (Waist-to-Hip Ratio, WHR). Außerdem wurde ermittelt, wie häufig mindestens ein kardiovaskuläres Ereignis aufgetreten ist. Dazu zählten unter anderem: Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche, Vorhofflimmern, koronare Herzkrankheit und kardiovaskulär bedingte Todesfälle. Auch die Sterblichkeit aufgrund anderer Ursachen wurde erfasst (Gesamtsterblichkeit).
Als Kriterium für einen erhöhten Bauchumfang galten für:
- Frauen: mehr als 88 cm
- Männer: mehr als 102 cm
Ein erhöhtes Taillen-Hüft-Verhältnis lag vor bei:
- Frauen: über 0,85
- Männer: über 0,90
BMI und Fettverteilung passen oft nicht zusammen
Ein zentrales Ergebnis der Studie: Der BMI allein beschreibt die tatsächliche Risikosituation vieler Menschen tatsächlich nur unzureichend.
Von den Personen mit Normalgewicht (nach BMI-Kriterien 18–25) hatten:
- 5 Prozent einen krankhaft erhöhten Bauchumfang,
- 18 Prozent ein erhöhtes Taillen-Hüft-Verhältnis.
Bei Übergewichtigen zeigten jeweils rund 40 Prozent erhöhte Werte für Bauchumfang oder Taillen-Hüft-Verhältnis. Gleichzeitig fanden die Forschenden unter den Menschen mit einer Adipositas, also einem BMI ab 30 nach gängiger Einteilung, eine große Gruppe mit vergleichsweise günstiger Fettverteilung:
- 9 Prozent hatten keinen erhöhten Bauchumfang,
- 45 Prozent kein erhöhtes Taillen-Hüft-Verhältnis.
Auch Normalgewichtige können ein erhöhtes Herzrisiko haben
Besonders bemerkenswert war, dass Menschen mit normalem BMI, aber erhöhtem Bauchumfang oder erhöhtem Taillen-Hüft-Verhältnis, für die meisten untersuchten Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein deutlich höheres Risiko aufwiesen. Je nach Endpunkt war ihr Risiko um etwa 15 bis 50 Prozent erhöht. Dazu gehörten unter anderem Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche, Vorhofflimmern und eine allgemein erhöhte Sterblichkeit.
Daraus lässt sich schließen: Ein scheinbar normales Körpergewicht schützt nicht automatisch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn sich das Fett vor allem im Bauchraum ansammelt.
Nicht jede Adipositas ist mit demselben Risiko verbunden
Umgekehrt zeigte die Studie auch, dass Menschen mit Adipositas und vergleichsweise niedrigem Bauchumfang häufig ein günstigeres Risikoprofil hatten. Verglichen mit normalgewichtigen Personen mit niedrigem Bauchumfang unterschieden sie sich bei den meisten Herz-Kreislauf-Erkrankungen sogar nicht statistisch bedeutsam.
Mit speziellem Blick auf die Geschlechter fanden die Forscher heraus, dass bei einem niedrigen Taillen-Hüft-Verhältnis die Gesundheitsrisiken bei adipösen Frauen zwar insgesamt höher waren als bei normalgewichtigen Frauen mit niedrigem Taillen-Hüft-Verhältnis, aber dennoch niedriger als bei hohem Taillen-Hüft-Verhältnis.
Bei normalgewichtigen Männern wiesen diejenigen mit hohem Bauchumfang ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Mortalität und Gesamtmortalität auf, während diejenigen mit einem hohen Taillen-Hüft-Verhältnis ein signifikant erhöhtes Risiko für Herzinsuffizienz, koronare Herzkrankheit, kardiovaskuläre Erkrankungen, koronare Mortalität und Gesamtmortalität hatten.
Die Autoren betonen jedoch, dass dies nicht bedeutet, dass Adipositas harmlos ist. Vielmehr verdeutlichten die Ergebnisse, dass die Fettverteilung innerhalb einer BMI-Kategorie erhebliche Unterschiede im Risiko erklären könne. Insgesamt erscheint vor allem der Bauchumfang prognostisch aussagekräftig zu sein, um insbesondere bei Menschen mit scheinbar normalem BMI das Risiko besser zu erfassen. Das Taillen-Hüft-Verhältnis scheint wiederum eher verschiedene Schweregrade einer Adipositas widerzuspiegeln.
Starker Zusammenhang mit Herzschwäche und Vorhofflimmern
Die Analysen verdeutlichten zugleich, wie groß der Einfluss von Bauchfett auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein kann. Die bei Adipositas häufig anzutreffenden Komplikationen Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern waren fast zur Hälfte auf einen erhöhten Bauchumfang zurückzuführen. Das galt auch für etwa ein Drittel der kardiovaskulären Mortalität (36 %).
Damit unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung von Bauchfett als Risikofaktor für Herzschwäche und Vorhofflimmern, zwei Erkrankungen, deren Häufigkeit zunimmt.
Was bedeutet das für Patienten?
Die Studie liefert eine wichtige Botschaft: Wer sein Herz schützen möchte, sollte nicht nur auf die Waage schauen und den BMI berechnen. Denn ein normaler BMI kann ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln, wenn gleichzeitig zu viel Fett im Bauchraum vorhanden ist. Umgekehrt erlaubt der BMI allein auch bei Menschen mit Adipositas keine genaue Aussage über das individuelle Herz-Kreislauf-Risiko. Das einfache Messen des Bauchumfangs ergänzt durch das Taillen-Hüft-Verhältnis liefert wichtige ergänzende Werte für die individuelle Risikoeinschätzung.
- Risk Reclassification Beyond BMI by Waist Circumference and Waist-to-Hip Ratio Across 9 Cardiovascular Outcomes, J Am Coll Cardiol. 2026; https://doi.org/10.1016/j.jacc.2026.05.050
Experte
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Prof. Dr. med. Thomas Meinertz ist Kardiologe und Pharmakologe in Hamburg. Zu den Schwerpunkten des ehemaligen Vorsitzenden der Herzstiftung und langjährigen Direktors der Klinik und Poliklinik für Kardiologie und Angiologie des Universitären Herzzentrums Hamburg zählen insbesondere Herzrhythmusstörungen, die koronare Herzkrankheit und Herzklappen-Erkrankungen. Neben mehreren hundert wissenschaftlichen Fachpublikationen, die Prof. Meinertz für nationale und internationale Fachzeitschriften verfasst hat, ist der renommierte Kardiologe Chefredakteur der Herzstiftungs-Zeitschrift "HERZ heute" und Autor mehrerer Publikationen im Online-Bereich der Herzstiftung.