Beim jährlichen Kongress der europäischen Kardiologengesellschaft ESC – 2026 in München – werden aktuelle Studiendaten, neue Entwicklungen in der Herzmedizin und Leitlinien für die Behandlung von Herzpatienten diskutiert. Viele der Studien werden zeitgleich in hochrangigen Fachzeitungen publiziert, was deren Relevanz hervorhebt. In diesem Jahr lag ein besonderer Fokus zudem auf künstlicher Intelligenz. Lesen Sie hier kurz und kompakt, was besonders spannend und für die Versorgung von Herzpatienten bedeutsam ist. In drei imPULS-Podcastfolgen live vom ESC stellen Experten zudem neue Erkenntnisse vor.
Vier Leitlinien neu und überarbeitet
Herzinfarkt: Wie Frauen von der Neudefinition profitieren
Was genau ein Herzinfarkt ist, wurde nun neu definiert. Das soll dafür sorgen, dass Infarkte genauer erkannt und die passende Behandlung schneller eingeleitet wird. Neu ist vor allem, dass Herzinfarkte nun danach eingeteilt werden, ob sie durch eine Erkrankung der Herzkranzgefäße selbst, durch eine andere akute Erkrankung oder als Komplikation eines Eingriffs am Herzen entstanden sind. Dadurch können Ursachen und Behandlung besser aufeinander abgestimmt werden. Für Patienten wichtig: Die Leitlinie betont, dass die Diagnose nicht allein auf Blutwerten beruht. Beschwerden, EKG-Befunde sowie moderne Bildgebungsverfahren werden stärker berücksichtigt, um Herzinfarkte von anderen Ursachen einer Herzmuskelschädigung unterscheiden zu können.
Besonders Frauen könnten von den Neuerungen profitieren. Denn die Leitlinie fordert ausdrücklich die Verwendung geschlechtsspezifischer Troponin-Grenzwerte, weil Herzinfarkte und Herzmuskelschäden bei Frauen bislang häufiger übersehen wurden. Zudem wird hervorgehoben, dass Frauen oft andere Begleitbeschwerden wie Atemnot, Übelkeit oder Schmerzen im Rücken oder zwischen den Schulterblättern haben und solche Symptome ebenso ernst genommen werden müssen wie klassische Brustschmerzen. Die Experten hoffen, dass dadurch Herzinfarkte bei Frauen früher erkannt werden und weniger Fehldiagnosen entstehen. (1)
Gesundheit von Herz und Nieren im Blick
Brandneue ESC-Leitlinien machen deutlich, dass chronische Nierenerkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen eng zusammenhängen und deshalb früh erkannt und behandelt werden sollten. Es wird darin empfohlen, gezielt nach Nierenschäden zu suchen, das individuelle Risiko zu bewerten und rechtzeitig Maßnahmen einzuleiten, um Herz und Nieren zu schützen. Hintergrund ist, dass bei Menschen mit einer Nierenerkrankung Herzkrankheiten, Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfälle oft anders behandelt werden müssen als bei Menschen ohne Nierenprobleme.
Im Mittelpunkt steht das Konzept STAMP:
- S steht für das frühzeitige Erkennen einer chronischen Nierenerkrankung (Screen),
- T für die Einteilung des Risikos (Triage),
- A für Maßnahmen zur Senkung des Nieren- und Herzrisikos (Address CKD Risk),
- M für die Anpassung der Herzbehandlung an die Nierenerkrankung (Modify CVD Management)
- und P für eine gute Versorgungsplanung. (2)
Herzschwäche: Leitlinie vereinfacht Therapie
Die komplett überarbeiteten ESC-Leitlinien zur Herzschwäche betonen, dass Vorbeugung und eine möglichst frühe Behandlung noch wichtiger werden sollen, um das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Außerdem wurde die Einteilung der Herzschwäche vereinfacht und an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse angepasst. Die Stadieneinteilung reicht nun von A (Patienten mit einem Risiko für Herzschwäche) bis D (Fortgeschrittene Herzschwäche). Neu ist auch, dass einige Medikamente stärker empfohlen werden, darunter Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonisten (MRA) sowohl für Patienten mit Herzschwäche und erhaltener als auch eingeschränkter Pumpfunktion. Auch Medikamente zur Gewichtsreduktion, die GLP1-Rezeptoragonisten Semaglutid und Tirzepatid, sind nun eine leitlinienbasierte Therapieoption für Menschen mit Herzschwäche und Adipositas. (3)
Kardiologische Reha: erstmals Leitlinie veröffentlicht
Diese neue Leitlinie soll Ärzten umfassende Orientierungshilfen liefern zu den Indikationen für die kardiale Rehabilitation (KR) sowie zur Betreuung von Patienten in KR-Programmen der Phase II (beginnt in der Regel nach der Akutbehandlung im Krankenhaus) zu geben. Es behandelt wesentliche Aspekte wie infrastrukturelle Anforderungen, Personalzusammensetzung, Kernkomponenten, Durchführungsformen, Festlegung von Behandlungszielen sowie die Bewertung der Behandlungsergebnisse. Die Empfehlungen richten sich an Erwachsene mit ganz verschiedenen Herzerkrankungen sowie an Krebspatienten, die sich gerade einer kardiotoxischen Therapie unterziehen oder sich von einer solchen erholen. (4)
Künstliche Intelligenz und digitale Gesundheit
Wissenschaftler aus Israel zeigten in ihrer Studie, dass künstliche Intelligenz (KI) auf Mammografie-Aufnahmen möglicherweise nicht nur Brustkrebs, sondern auch Anzeichen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erkennen kann. Die KI konnte in den Aufnahmen Hinweise auf Bluthochdruck, koronare Herzkrankheit und einen zurückliegenden Schlaganfall mit vergleichsweise hoher Genauigkeit identifizieren. Da viele Frauen regelmäßig zur Brustkrebs-Früherkennung gehen, könnten Mammografien künftig zusätzlich genutzt werden, um Frauen mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko frühzeitig zu erkennen.
Wissenschaftler aus Japan stellten beim ESC ihre Untersuchungsdaten vor, wonach künstliche Intelligenz anhand eines nur fünf Sekunden langen Gesichtsvideos Hinweise auf Bluthochdruck und Diabetes erkennen kann. Dabei erreichte das Verfahren eine hohe Treffergenauigkeit und benötigte weder eine Blutdruckmanschette noch eine Blutabnahme.
Eine internationale Studie (TAVI-ALPURA), die beim ESC vorgestellt wurde ergab, dass künstliche Intelligenz das Langzeitsterberisiko von Patienten nach einem kathetergestützten Aortenklappenersatz (TAVI) genauer vorhersagen kann als die bisher üblichen Risikorechner. Dafür wurden zahlreiche medizinische Informationen wie Laborwerte, EKGs, Ultraschalluntersuchungen, CT-Bilder und Behandlungsdaten gemeinsam ausgewertet. Die KI-Modelle erwiesen sich sowohl bei europäischen als auch bei japanischen Patienten als zuverlässig und konnten besonders gut zwischen Menschen mit niedrigem und hohem Risiko unterscheiden. Nach Ansicht der Forschenden könnte dies künftig helfen, Patienten nach einer TAVI individueller zu betreuen, Risikopatienten früher zu erkennen und die Nachsorge besser an den jeweiligen Bedarf anzupassen. (5)
Eine neue Studie (ASPIRED) zeigt, dass ein tragbarer EKG-Monitor, der nach einer ungeklärten Ohnmacht 14 Tage lang getragen wird, Herzrhythmusstörungen deutlich häufiger und früher erkennt als die bisher übliche Versorgung. Dadurch konnten Betroffene schneller die passende Behandlung erhalten, etwa einen Herzschrittmacher oder Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen. Durch das Monitoring sank zudem die Sterblichkeit um etwa die Hälfte (auch wenn es nicht zu weniger erneuten Ohnmachtsanfällen kam), sodass die Forschenden aus England einen solchen Herzmonitor nach ungeklärter Ohnmacht als sinnvolle Ergänzung der Notfallversorgung ansehen.
Prävention: Früher Herzschutz im Fokus
Atherosklerose früh erkennen: Eine große dänisch-spanische Studie (REACT) zeigt, dass Arterienverkalkungen oft schon in jungen Jahren beginnen und viele Menschen betroffen sind, ohne etwas davon zu bemerken. Mit bildgebenden Untersuchungen (Koronar-CT) konnten solche „stillen“ Gefäßveränderungen bereits bei einem von 13 jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren nachgewiesen werden; im Alter von 60 bis 70 Jahren fanden sie sich bei den meisten Studienteilnehmern (9 von 10). Ablagerungen traten bei Männern fünf bis zehn Jahre früher auf, während Frauen einen späteren und dafür besonders steilen Anstieg in der Lebensmitte aufwiesen – etwa in dem Alter, in dem typischerweise die Menopause eintritt. Mit dem Alter erhöhte sich auch das Plaquevolumen exponentiell.
Die Forschenden stellten außerdem fest, dass die üblichen Risikorechner viele Menschen mit bereits bestehenden „stillen“ Gefäßveränderungen nicht als Hochrisikopatienten erkennen, besonders in jüngeren Jahren. Nach Ansicht der Studienautoren könnte eine frühzeitige Untersuchung der Gefäße helfen, Arterienverkalkungen früher zu entdecken und Herzinfarkten oder Schlaganfällen besser vorzubeugen. (7)
Wichtige neue Studien & mehr
STAREE-Studie
Bei Menschen ab 70 Jahren ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung konnte das Statin Atorvastatin das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder andere schwerwiegende Herz-Kreislauf-Ereignisse um etwa 30 Prozent senken. Auf die generelle Lebenserwartung, das Risiko für Demenz oder den Erhalt der körperlichen Selbstständigkeit hatte die Behandlung dagegen keinen nachweisbaren Einfluss. Die Forschenden schlussfolgern daher, dass Statine auch bei älteren Menschen zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sinnvoll sein können, die Entscheidung für oder gegen eine Therapie aber immer individuell getroffen werden sollte. (8)
NEXAF
Die Studie ergab, dass ein strukturiertes Bewegungsprogramm bei Menschen mit Vorhofflimmern die Zeit, die sie im Vorhofflimmern verbringen, deutlich (um relative 45 %) verringern kann. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die regelmäßig trainierten, mussten zudem seltener wegen Vorhofflimmerns ins Krankenhaus. Allerdings verbesserten sich durch das Training weder die Beschwerden noch die wahrgenommene Lebensqualität stärker als bei Patienten, die die übliche Behandlung erhielten.(9)
Xylitol und Herzinfarkt
Eine aktuelle Beobachtungsstudie, deren Daten in München erstmals vorgestellt wurden, legt nahe, dass hohe Xylitol-Spiegel im Blut mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder einen herzbedingten Tod verbunden sein könnten. Je höher die gemessenen Werte waren, desto häufiger traten solche Herz-Kreislauf-Ereignisse auf. Das Besonders: In dieser großen Studie wurden die Daten von über 17.000 an sich herzgesunden Menschen ausgewertet. Rund 9000 Herzereignisse waren bei ihnen im Studienverlauf aufgetreten. Frühere Studien hatten ein erhöhtes Risiko bei bereits herzkranken Menschen gezeigt.
Blutdruck und Demenz
Die 7-Jahres-Daten einer großen Studie aus China bestätigten: Wer seinen Bluthochdruck konsequent behandeln lässt, kann sein Risiko für Demenz deutlich senken. Nach sieben Jahren erkrankten Menschen mit einer intensiven Blutdruckkontrolle etwa 15 Prozent seltener an Demenz (bzw. hatten kognitive Einschränkungen) als Personen mit der üblichen Versorgung. Die Blutdrucksenkung wurde dabei vor allem von speziell geschulten Gesundheitskräften vor Ort begleitet. Der positive Effekt hielt sogar noch Jahre nach Ende des Programms an.
Vorhofflimmern bei älteren Patienten
Mit dem Alter und Dauer der Rhythmusstörung nehmen Erfolgschancen einer Katherablation deutlich ab. In einer Studie haben Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich daher zwei Behandlungsoptionen verglichen. Das Ergebnis: Bei älteren Menschen (Durchschnittsalter 82 Jahre) mit anhaltendem Vorhofflimmern schnitt die Strategie aus Schrittmacher-Implantation und Verödung des AV-Knotens („ablate and pace“) eindeutig besser ab als eine klassische Katheterablation der Lungenvenen. Der wichtigste Punkt: bei 24 Prozent der Patienten mit „ablate and pace“ traten Ereignisse auf, die auf eine Verschlechterung der Herzrhythmusstörung oder der Herzfunktion hinweisen verglichen mit 46 Prozent der Patienten mit Lungenvenenisolation. (10)
- Fifth Universal Definition of Myocardial Infarction; Eur Heart J. 2026; doi.org/10.1093/eurheartj/ehag101
- 2026 ESC Guidelines for the management of cardiovascular disease and chronic kidney disease, in collaboration with the European Renal Association (ERA); Eur Heart J. 2026; doi.org/10.1093/eurheartj/ehag098
- 2026 ESC Guidelines for the management of heart failure; Eur Heart J. 2026; doi:10.1093/eurheartj/ehag100
- 2026 ESC Guidelines on cardiac Rehabilitation; Eur Heart J. 2026; doi.org/10.1093/eurheartj/ehag099
- Multimodal artificial intelligence-based long-term mortality prediction after transcatheter aortic valve implantation: a multicentre development, validation, and testing study; Lancet; DOI: 10.1016/j.landig.2026.101049
- Immediate Ambulatory Electrocardiographic Monitoring in Syncope; NEJM 2026; DOI: 10.1056/NEJMoa2605812
- Prevalence of Silent Atherosclerosis across Adult Life, NEJM 2026; DOI: 10.1056/NEJMoa2609059
- Atorvastatin, Cardiovascular Events, and Disability-free Survival in Older Adults; N Engl J Med 2026, doi: 10.1056/NEJMoa2607314
- ESC-Pressemitteilung: Tailored exercise programme shown to reduce atrial fibrillation burden
- Pacemaker-implantation and atrioventricular-node ablation vs pulmonary vein isolation for elderly patients with persistent atrial fibrillation: the ABLATE versus PACE Trial; Eur Heart J.; doi.org/10.1093/eurheartj/ehag742
- ESC-Pressemitteilung Xylitol may increase the risk of cardiovascular events 26.8.2026 und Abstract "The association of Xylitol and incident cardiovascular events: the CLSA and EPIC-Norfolk cohort studies", Marco Witkowski, Charité Berlin
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Ruth Ney ist Apothekerin und Medizinjournalistin bei der Herzstiftung. Sie koordiniert unter anderem die Podcast-Gespräche "imPULS".