Die Herzschwäche lässt sich klinisch in vier Stadien unterteilen. In den Stadien A und B haben die Patienten noch keine typischen Symptome einer Herzschwäche. Schätzungsweise 30 Prozent der Bevölkerung befinden sich in diesem sogenannten präklinischen Stadium einer Herzschwäche. Da die Herzschwäche in der Regel fortschreitet in die klinischen Stadien C und D, ist es wichtig, Patienten frühzeitig zu identifizieren, um sie rechtzeitig behandeln zu können. Denn die Erfolgschancen, das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen und Folgeerscheinungen zu vermeiden, sind dann langfristig natürlich deutlich besser.
US-amerikanische Forscher haben sich daher im Rahmen der Langzeitstudie ARIC (Atherosclerosis Risk in Communities) mit der Frage beschäftigt, welche konkreten klinischen Anzeichen schon im präklinischen Stadium einer Herzinsuffizienz auf eine drohende Verschlechterung und einen Übergang zur klinischen Herzinsuffizienz (Stadien C und D) hinweisen. Untersucht wurden knapp 3.000 ältere Erwachsene mit einer Herzinsuffizienz im Stadium B. Dabei liegen zwar bereits mit Ultraschall nachgewiesene strukturelle Veränderungen am Herzen oder auffällige Herzmarker im Blut vor, ansonsten aber keine typischen Herzinsuffizienz-Symptome.
So war die Studie aufgebaut
Fast 3.000 Patienten ohne klinische Zeichen einer Herzinsuffizienz, aber mit echokardiographischen und Laborzeichen einer präklinischen Herzinsuffizienz (Stadium B) wurden über viele Jahre nachuntersucht. Sie waren im Durchschnitt 76 Jahre alt. Die Forschenden erfassten zu Studienbeginn die Lebensqualität (mental und körperlich) der Patienten sowie zwei Formen von Müdigkeit:
- Allgemeine Müdigkeit: ein anhaltendes Erschöpfungsgefühl (Fatigue), das nicht direkt durch körperliche Aktivität ausgelöst wird und sich durch Ruhe nicht vollständig bessert.
- Belastungsmüdigkeit: das Gefühl, bei körperlicher Anstrengung rasch erschöpft zu sein und eine Pause zu benötigen.
Anhand dieser Angaben wurden die Teilnehmenden in vier Gruppen eingeteilt: Personen ohne oder mit nur geringer Müdigkeit, mit überwiegend allgemeiner Müdigkeit, mit überwiegend Belastungsmüdigkeit sowie Personen, die unter beiden Formen litten. Anschließend beobachteten sie über einen Zeitraum von durchschnittlich 8,4 Jahren, bei wem eine manifeste Herzinsuffizienz auftrat.
Deutlich schlechtere Lebensqualität bei Müdigkeit
Rund 30 Prozent der Teilnehmenden berichteten über relevante Müdigkeitsbeschwerden. Besonders deutliche Ergebnisse zeigten sich bei Patienten mit ausgeprägter allgemeiner und belastungsabhängiger Erschöpfung. Sie bewerteten ihre körperliche und psychische Lebensqualität deutlich schlechter als Menschen ohne Müdigkeitsbeschwerden oder mit nur einer Form von merklicher Ermüdbarkeit.
Die Betroffenen hatten außerdem häufiger Begleiterkrankungen wie Diabetes, Übergewicht oder eine eingeschränkte Nierenfunktion. Auch depressive Symptome waren in diesen Gruppen häufiger anzutreffen.
Höheres Risiko für eine spätere Herzinsuffizienz
Bei etwa jedem Zehnten war die Herzschwäche zu Studienende fortgeschritten und hatte das nächste Stadium erreicht. Menschen mit ausgeprägter Belastungsmüdigkeit hatten dabei zum Beispiel ein um 86 Prozent höheres Risiko, eine manifeste Herzinsuffizienz zu entwickeln als Personen ohne relevante Müdigkeit.
Bei Patienten mit kombinierter allgemeiner Müdigkeit und Belastungserschöpfung war allerdings das Risiko, dass sich eine manifeste Herzinsuffizienz (in der Regel einer Herzschwäche mit erhaltener Auswurffraktion) entwickelt, am ausgeprägtesten (um mindestens das Doppelte erhöht). Diese Zusammenhänge blieben auch dann bestehen, wenn Alter, Geschlecht sowie bekannte Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck oder Übergewicht berücksichtigt wurden.
Was bedeuten die Ergebnisse?
Die Studie zeigt, dass merkliche Müdigkeit bei Menschen mit einer Vorstufe der Herzschwäche und erhaltener linksventrikulärer Auswurffraktion mehr sein kann als eine alltägliche Befindlichkeitsstörung. Allgemeine Erschöpfung plus Erschöpfung unter Belastung gehen bei Patienten mit präklinischer Herzinsuffizienz mit einer Abnahme der Lebensqualität einher und können offenbar als Zeichen für ein erhöhtes Risiko gewertet werden, dass eine manifeste Herzinsuffizienz droht. Wer sich also über längere Zeit ungewöhnlich müde fühlt und auch bei körperlicher Aktivität rasch erschöpft ist, sollte diese Beschwerden nicht als normale Alterserscheinung abtun, sondern dies auch einmal beim Arzt abklären lassen.
- General and Exertional Fatigue, Quality of Life, and Risk of Incident Clinical Heart Failure in Those With Pre-heart Failure in the ARIC Study. JAMA 2026; DOI: 10.1161/JAHA.125.046789.
Experte
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Prof. Dr. med. Thomas Meinertz ist Kardiologe und Pharmakologe in Hamburg. Zu den Schwerpunkten des ehemaligen Vorsitzenden der Herzstiftung und langjährigen Direktors der Klinik und Poliklinik für Kardiologie und Angiologie des Universitären Herzzentrums Hamburg zählen insbesondere Herzrhythmusstörungen, die koronare Herzkrankheit und Herzklappen-Erkrankungen. Neben mehreren hundert wissenschaftlichen Fachpublikationen, die Prof. Meinertz für nationale und internationale Fachzeitschriften verfasst hat, ist der renommierte Kardiologe Chefredakteur der Herzstiftungs-Zeitschrift "HERZ heute" und Autor mehrerer Publikationen im Online-Bereich der Herzstiftung.