Chronische Entzündungsprozesse können ein wichtiger biologischer Mechanismus sein, über den Stress und andere Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Übergewicht und soziale Benachteiligung das Herz schädigen. Darauf deutet eine große Analyse der Daten von fast 480.000 Erwachsenen aus einer britischen Datenbank (UK Biobank) hin. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass erhöhte Entzündungswerte mit ungünstigen Umbauprozessen am Herzen und einem deutlich höheren Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden sind.
Die UK Biobank hat zwischen den Jahren 2006 und 2010 Blutproben von einer halben Million Erwachsenen im Alter von 40-69 Jahren gesammelt. Bei etwa 100.000 Personen wurden später auch Magnetresonanztomografien (MRT) des Herzens durchgeführt. Die Teilnehmenden machten zudem in ausführlichen Fragebögen Angaben zu ihren Lebensumständen.
In den Blutproben bestimmten britische Forschende dann den Entzündungsmarker GlycA (Glycoprotein Acetyls), der als Maß für eine langfristig erhöhte Aktivität des Immunsystems gilt. Anschließend verknüpften sie diese Daten mit Herz-MRT-Untersuchungen, genetischen Informationen und den Angaben zu Lebensumständen und Gesundheit.
Hinweise auf stillen Umbau des Herzens
Menschen mit den höchsten Entzündungswerten wiesen den jüngst veröffentlichten Forschungsdaten zufolge häufiger strukturelle Veränderungen des Herzens auf. Dazu gehörten kleinere Herzkammern, verdickte Herzwände und eine eingeschränkte Füllung des Herzens mit Blut. Anhand der MRT-Daten ließ sich verdeutlichen, dass chronische Entzündungen insbesondere mit verminderten Volumina der linken Herzkammer zusammenhingen.
All diese Veränderungen können sich über Jahre entwickeln, ohne Beschwerden zu verursachen, bevor sich später eine Herzschwäche daraus entwickelt.
Erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall
Die Folgen beschränkten sich nicht allein auf Veränderungen der Herzstruktur. Menschen mit den höchsten Entzündungswerten (die obersten 20 %) wiesen ein um 43 Prozent höheres Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall auf als diejenigen mit den niedrigsten Werten (die untersten 20 %). Dieser Zusammenhang bestand auch bei Menschen ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung.
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Entzündungen sowohl durch Lebensstilfaktoren als auch genetische Komponenten erklärt werden können. So waren hohe GlycA-Werte zwar erwartungsgemäß eng mit Rauchen und einem hohen Körperfettanteil verbunden sowie – überraschenderweise – ebenso mit psychischer Belastung und sozialer Benachteiligung. Gleichzeitig legen die Analysen nahe, dass offensichtlich genetische Faktoren beeinflussen, wie stark Menschen auf solche Belastungen mit Entzündungsreaktionen reagieren.
Das individuelle Risiko entsteht nach Ansicht der Forscher demnach nicht durch einzelne Auslöser, sondern über viele Jahre durch ein Zusammenwirken von genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren. Sie betonen jedoch in einer Pressemitteilung zur Studie, dass Menschen, die genetisch anfällig sind oder widrigen Umständen ausgesetzt sind, nicht zwangsläufig eine Herzerkrankung entwickeln müssten, sondern dass viel getan werden könne – vor allem hinsichtlich Übergewicht und Rauchen –, um langfristigen Entzündungen vorzubeugen.
Entzündungsbotenstoffe als mögliche Angriffspunkte
Die Analysen deuten nach Angaben der Forscher außerdem darauf hin, dass insbesondere die beiden Entzündungsbotenstoffe Interleukin-1 (IL‑1) und Tumornekrosefaktor (TNF) den Signalweg zwischen chronischer Entzündung, kardialem Umbau und Herz-Kreislauf-Risiko vermitteln. Medikamente, die sich gegen diese Signalwege richten und die teils schon in klinischen Studien untersucht werden, könnten in Zukunft möglicherweise stressbedingte Herzschäden bremsen, so die Hoffnung der Forscher. Zudem könnten Entzündungsmarker wie GlycA künftig zusammen mit genetischen Risikoprofilen helfen, Menschen mit besonders hohem Herz-Kreislauf-Risiko frühzeitig zu erkennen und gezielter zu behandeln.
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Psychischer und sozialer Stress
- Gene-environment interactions shape cytokine-mediated inflammation and cardiovascular risk. European Journal of Preventive Cardiology, 2026. https://doi.org/10.1093/eurjpc/zwag435
- Pressemitteilung des Imperial College: https://www.imperial.ac.uk/news/articles/2026/-chronic-stress-may-trigger-hidden-inflammation-that-damages-the-heart/
Experte
- 60323 Frankfurt am Main
- info@herzstiftung.de
- www.herzzentrum-an-der-alster.de
Prof. Dr. med. Thomas Meinertz ist Kardiologe und Pharmakologe in Hamburg. Zu den Schwerpunkten des ehemaligen Vorsitzenden der Herzstiftung und langjährigen Direktors der Klinik und Poliklinik für Kardiologie und Angiologie des Universitären Herzzentrums Hamburg zählen insbesondere Herzrhythmusstörungen, die koronare Herzkrankheit und Herzklappen-Erkrankungen. Neben mehreren hundert wissenschaftlichen Fachpublikationen, die Prof. Meinertz für nationale und internationale Fachzeitschriften verfasst hat, ist der renommierte Kardiologe Chefredakteur der Herzstiftungs-Zeitschrift "HERZ heute" und Autor mehrerer Publikationen im Online-Bereich der Herzstiftung.