Der langfristige Gebrauch von anabol-androgenen Steroiden (AAS) hat schwerwiegende Folgen für das Herz. Dies geht aus einer neuen Studie hervor, in der Kraftsportler über einen Zeitraum von fast zehn Jahren beobachtet wurden. In der norwegischen Langzeitstudie wurde zugleich untersucht, ob sich Herzstruktur und Herzfunktion erholen können, wenn die Präparate dauerhaft abgesetzt werden
Für die Studie luden die Wissenschaftler vom Universitätskrankenhaus Oslo 101 AAS-Anwender sowie 71 Nicht-Anwender, die bereits an einer früheren Studie teilgenommen hatten, zu einer Folgestudie ein. Von den Personen, die nun erneut teilnahmen, waren 70 AAS-Anwender. 35 Personen, die keine AAS verwendeten, dienten als Kontrollgruppe.
Die Forschenden von der Universität in Norwegen erkundigten sich nach Alkoholkonsum, Rauchen und dem Gebrauch illegaler Drogen. Sie entnahmen Blut- und Urinproben, um die Konzentration verschiedener Hormone zu bestimmen, und untersuchten das Herz mittels Echokardiografie.
Unter denjenigen, die bereits in der früheren Studie AAS angewendet hatten, nahmen 35 weiterhin anabole Steroide, 15 hatten den Konsum eingestellt, 14 blieben abstinent und sechs waren rückfällig geworden.
Steroide: Herzmuskel verdickt, Pumpfunktion nimmt ab
Die Auswertung zeigte deutlich: Die fortgesetzte Einnahme anaboler Steroide bei den männlichen Kraftsportlern im Erwachsenen- und mittleren Alter ging mit einer dauerhaften Verdickung des Herzmuskels und einer beeinträchtigten Kontraktions- und Pumpfähigkeit einher. Auch die Fähigkeit des Herzens, sich zwischen den Herzschlägen zu entspannen und wieder mit Blut zu füllen, verschlechterte sich. Bei bis zu 17 Prozent derjenigen, die weiterhin anabole Steroide einnahmen, war die Herzfunktion stark eingeschränkt im Vergleich zu Nichtnutzern.
Obwohl viele der AAS-Anwender angaben, ihre Dosierung seit Beginn der ursprünglichen Studie verringert zu haben, stellten die Forschenden fest, dass dies keine positive Auswirkung auf das Herz der Kraftsportler hatte. Nur ein vollständiger Verzicht auf anabole Steroide führte zu einer Veränderung. Davon profitierten jene Sportler am stärksten, die zugleich medikametös gegen Bluthochdruck behandelt worden waren. Dann verbesserte sich die systolische Funktion der linken Herzkammer – gemessen anhand der Ejektionsfraktion (LVEF), also der Blutmenge, die die linke Herzkammer auspumpen kann, um 11 Prozent. Der Herzmuskel blieb jedoch verdickt.
Bei AAS-Anwendern, die keine medizinische Behandlung gegen Bluthochdruck erhielten, verschlechterte sich hingegen die LVEF im Zeitraum zwischen der Ausgangsuntersuchung und der Nachuntersuchung um acht Prozent.
Schäden regenerierbar?
Wenn Studienteilnehmer allerdings die Einnahme der anabolen Steroide beendeten und langfristig darauf verzichteten, konnte sich das Herz teilweise erholen. So nahm die verdickte Herzmuskelmasse wieder deutlich ab. Gleichzeitig verbesserte sich die Pumpfunktion des Herzens merklich.
Insgesamt bessert sich die systolische linksventrikuläre Funktion (LVEF) um 13 Prozent. Das entsprach einem Anstieg der LVEF von 48 auf 54 Prozent. Dieser Wert erreichte jedoch nicht das Niveau der LVEF (60 %) bei den Männern in der Kontrollgruppe, die nie Anabolika eingenommen hatten.
Vorsicht: Doping hat langfristige Folgen
Anabole-androgene Steroide werden häufig im Kraft- und Bodybuilding-Sport eingesetzt, um Muskelmasse und Leistungsfähigkeit zu steigern. Die aktuellen Ergebnisse liefern nun weitere Belege für die gesundheitlichen Schäden, die durch den nicht-medizinischen Gebrauch solcher Steroide entstehen.
So ist hinlänglich bekannt, dass Anwender eine Abhängigkeit von anabolen Steroiden entwickeln können und dass deren Gebrauch mit Stoffwechselstörungen, hormonellen Problemen sowie Leberschäden einhergeht. Durch diese Studie haben sich nun auch die Hinweise darauf verdichtet, dass es auch zu negativen Auswirkungen auf andere Organe kommt, wobei Herz und Blutgefäße offenbar besonders anfällig sind.
Die Autoren der Studie räumen ein, dass zwar nur wenige Männer untersucht worden seien. Dennoch würden die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es sei, sowohl die Präventionsarbeit als auch Maßnahmen zur Schadensminderung fortzusetzen. Denn obwohl anabole Steroide im Leistungssport bereits seit Jahrzehnten verboten seien, sei das Interesse am Konsum leistungs- und aussehensteigernder Mittel weiterhin hoch.
- Cardiovascular effects of continued vs. discontinued anabolic-androgenic steroid use: a longitudinal follow-up study. European Heart Journal - Cardiovascular Imaging, jeag238, https://doi.org/10.1093/ehjci/jeag238
- ESC-Pressemitteilung; https://www.escardio.org/news/press/press-releases/anabolic-steroids-linked-to-serious-heart-damage-in-weightlifters-stopping-them-may-aid-recovery/
Experte
- 60323 Frankfurt am Main
- info@herzstiftung.de
- www.herzzentrum-an-der-alster.de
Prof. Dr. med. Thomas Meinertz ist Kardiologe und Pharmakologe in Hamburg. Zu den Schwerpunkten des ehemaligen Vorsitzenden der Herzstiftung und langjährigen Direktors der Klinik und Poliklinik für Kardiologie und Angiologie des Universitären Herzzentrums Hamburg zählen insbesondere Herzrhythmusstörungen, die koronare Herzkrankheit und Herzklappen-Erkrankungen. Neben mehreren hundert wissenschaftlichen Fachpublikationen, die Prof. Meinertz für nationale und internationale Fachzeitschriften verfasst hat, ist der renommierte Kardiologe Chefredakteur der Herzstiftungs-Zeitschrift "HERZ heute" und Autor mehrerer Publikationen im Online-Bereich der Herzstiftung.